Lernorte und berufliche Bildung  E-Mail

 

 

Der Arbeitsplatz war und ist in Handwerksbetrieben immer ein ganzheitlicher Lernort gewesen und wird es auch bleiben. Wenn eine Floristin Blumen eintopft oder einen rundgebundenen Schnittblumenstrauß kreiert, hat sie immer den Kunden im Visier, der ihr meistens sogar gegenübersteht, sozusagen Auge in Auge, und gestaltet unter kundenorientierten und ökonomischen Gesichtspunkten ihre Arbeit. Eine Großgärtnerei teilt die Arbeiten bereits auf und verfährt gemäß Taylor indem einige Mitarbeiter nur pflanzen und ernten, andere wiederum nur verpacken oder verkaufen.

 

altDie Expansion oder „Mutation“ eines Kleinbetriebes zum mittel-ständischen Betrieb und dann zum Großbetrieb haben viele Unternehmen in Deutschland durchlaufen. Auch der verstorbene Ferdinand Porsche begann mit dem Käfer in einer Garage. Wer heute an Porsche denkt, denkt an Hightech-Autos und ein großes Unternehmen mit vielen Beschäftigten. Fließarbeit am Band und separierte spezialisierte Fachabteilungen waren die Folge in der Autoindustrie. Die dort arbeitenden Menschen konnten die Zusammenhänge im Unternehmen kaum noch oder gar nicht mehr beurteilen.

 

 

Sogenannte Schnittstellenprobleme zwischen den Abteilungen hemmten die Produktion und führten zu Kosten und der Kunde war eine Nummer auf dem Werksauftrag. Die berufliche Bildung hat wie die Industrie diese Entwicklung mitgetragen durch Schaffung neuer auf Spezialwissen aufgebauten Berufen, die dem Taylorismus der Betriebe entgegenkamen. So entstanden auch in den Unternehmen Ausbildungszentren mit Spezialabteilungen, Seminaren, Lehrgängen oder Kursen, die die Ausbildung vom Arbeitsplatz immer mehr entfernten. Die berufliche Bildung verlief nicht mehr dual sondern wie eine Triole.

 

 

Theoretisch - Rahmenlehrplan - orientiert gab die Berufsbildende Schule den Ton an, praktisch - produktionsorientiert der Betrieb und praktisch - prüfungsorientiert gemäß Ausbildungsrahmenplan die Ausbildungswerkstatt. Eine einheitliche didaktische Ausrichtung aller Lernorte gab es bisher nicht und konnte es auch nicht geben. War die Schule zu theorielastig mit Ansprüchen, die weitestgehend auch dem Allgemeinbildungsanspruch gerecht werden sollten, so waren die Betriebe praxislastig mit einem fachlich nicht genau eingegrenzten Anspruch, der sowohl adaptiv, betriebs- und produktionsorientiert wie auch bundesweit äquivalent und prüfungsorientiert sein sollte.

alt

Bisher liegen keine empirisch fundierten Abhandlungen zu didaktischen Ansätzen für die Lernorte des Dualen Systems vor. Der Arbeitsplatz als wichtigster Bezugspunkt beruflichen Lernens wurde als Platz, an dem man nur arbeitet, definiert und wurde nicht als Lernort per se betrachtet. Der Taylorismus mit seinen starken Restriktionen (Einschränkungen auf den rein fachlich-orientierten Arbeitsvollzug) ließ dafür wenig oder gar keinen Raum. Auszubildende am Arbeitsplatz wurden bisher mit leichten Aufgaben betraut, für die Facharbeiter z.B. zu teuer waren und Personal, das berufspädagogisch Lernprozesse begleiten und steuern kann, gab und gibt es in den wenigsten Fällen. Ständige Rationalisierung und Akkordlöhne geben auch keinen Spielraum für gezieltes Ausbilden am Arbeitsplatz. Lassen Arbeitsformen wie Team- oder Gruppenarbeit ein Lernen in einer humanisierten Arbeitswelt eher zu?

 

 

 

  

 

Was kann bei der Abkehr von der Fachorientierung zur Aufgabenorientierung am Arbeitsplatz gelehrt und gelernt werden? Ist der heutige Arbeitsplatz der Lernort schlechthin für die Sozial-, Methoden- und eingeschränkt auch die Fachkompetenz und gehört das Lernen zu lernen, also die Lernkompetenz, in die Ausbildungsstätten und berufsbildenden Schulen oder müssen alle Lernorte diese Fähigkeiten nur mit unterschiedlichen Schwerpunkten ganzheitlich vermitteln können? Welche Konzepte wären dafür notwendig? Wo könnten Verknüpfungen zwischen einer projektorientierten Ausbildung in der Ausbildungsstätte und einer handlungsorientierten Ausbildung in der berufsbildenden Schule und der praxisorientierten Ausbildung am Lernort Arbeitsplatz liegen?


alt

Aber desto größer der Betrieb wird desto eher neigt man dazu, Ausbildung zu zentralisieren, was bei dem hohen Spezialwissen z.B. in Großbetrieben ja auch Sinn machen kann. Die Neuordnung der Berufe vor allen Dingen im gewerblich-technischen Bereich brachte auch neue Anforderungen mit sich wie CNC, DNC, CAD (Computer aided design), CIM (Computer integrated manufacturing), SPS (Speicherprogrammierbare Steuerungen), SRT (Steuerungs- und Regelungstechniken) etc.. Die Bestrebungen der EDV-Spezialisten aber sind Verbundsysteme vom Zeichnen bis zum Fertigen an der Maschine.

Unternehmen sollten diese arbeitsteilige Vorgehensweise deswegen weitestgehend aufheben und sozusagen im Unternehmen wieder kleine Handwerksbetriebe schaffen durch bereichsübergreifende interaktionelle Gruppenarbeit (AZIA).